NEU IN DER SAMMLUNG

Das Kunstmuseum Magdeburg ist stets bestrebt, den Sammlungsbestand zur Kunst der Gegenwart zu erweitern. Durch gezielte Ankäufe und Schenkungen kann der Bestand des Hauses ausgebaut, vervollständigt und weiterentwickelt werden. Dabei steht die Kunst als lebendiges, zeitabhängiges, changierendes System im Mittelpunkt. Besonderer Wert wird auf signifikante Einzelwerke gelegt, die die Kraft besitzen, eine Vorstellung von der Gesamtheit einer Richtung, einer Anschauung, einer Intention zu vermitteln.

Hier finden Sie eine aktuelle Auswahl unserer Neuerwerbungen.

 


Itamar Gov, All Blues but Prussian Blue, 2024, 100 Stück, Acryl auf Leinwand

 

Itama Gov
All Blues but Prussian Blue

Itamar Gov (*1989, Tel Aviv) untersucht, wie Geschichte durch Materialität, Farbe und Abwesenheit nachwirkt – sei es durch ein bewusstes Weglassen oder das langsame Verblassen. In All Blues but Prussian Blue versammelt Gov 100 monochrome Gemälde in sämtlichen Schattierungen von Blau – mit einer bewussten Ausnahme: Preußischblau. Als Uniformfarbe der preußischen Armee wurde sie über Generationen zum Zeichen militärischer Disziplin und zugleich in der europäischen Aristokratie genutzt, um durch künstlich blaue Adern die eigene exklusive Zugehörigkeit sichtbar zu machen.

Gleichzeitig ist Preußischblau jedoch auch mit der extremsten Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit verknüpft: Es hinterließ Spuren an den Wänden der nationalsozialistischen Gaskammern – als Residuum von Zyklon B, das millionenfach zur Ermordung von Menschen eingesetzt wurde. Indem der Künstler Preußischblau aus seiner Serie tilgt, macht er dessen historische und ideologische Aufladung auf paradoxe Weise sichtbar.

 


Maurizio Nanucci, LINE, 1989, Neon, Glas

 

Maurizio Nannucci
Line, 1989
Neon, Glas

Das Kunstmuseum Magdeburg hat mit finanzieller Unterstützung des Vereins Freunde und Förderer des Kunstmuseums Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg e.V.  und des Landes Sachsen-Anhalt die Neonarbeit „Line“ (1989) von Maurizio Nannucci angekauft. Mit diesem Erwerb wird die bereits bestehende Werkgruppe Nannuccis im Kunstmuseum gezielt erweitert.

Die großformatige Neoninstallation misst 2,50 x 2,50 Meter und zeigt das Wort „Line“. Die farbigen Leuchtbuchstaben – in Gelb, Blau, Rot und Grün – überlagern sich und erzeugen dabei verschiedene Farbnuancen. „Line“ steht exemplarisch für Nannuccis präzise Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Sprache, Materialität und Wahrnehmung. Aus industriellen Elementen wie Neonlicht, Glas und Draht formt der Künstler Werke, die trotz ihrer physischen Präsenz immateriell, poetisch und gedanklich vielschichtig wirken – als Leuchten im Raum, als Impuls zum Denken.

 


Özlem Altın, Naked eye (landscape), 2023, Tusche und Ölfarbe auf Leinwand

 

Özlem Altın
Naked Eye (landscape), 2023
Tusche und Öl auf Leinwand; Diptychon

Hieroglyph (transfer through touch), 2019
Hieroglyph (mechanism), 2019
Tusche auf Inkjet Print

Sowohl das zweiflügelige Bild Naked Eye (landscape), 2023, als auch die beiden Werke Hieroglyph (transfer through touch), 2019, und Hieroglyph (mechanism), 2019, zeichnen sich durch eine ausgeprägte Relationalität aus, durch die die Kunstwerke zueinander in Beziehung treten. Aus abstrakt anmutenden, malerischen Flächen scheinen Bildreproduktionen auf, die Altın mit teils kräftigen, teils zarten Pinselstrichen verbindet oder unter Spannung setzt. Die Künstlerin schafft so kraftvolle und zugleich poetische Bilder, die Malerei und konzeptuelle Fotografie auf unerwartete Weise vereinen. Altıns Werke nehmen ihren Ausgangspunkt in einem assoziativ zusammengetragen Archiv, das Magazinausschnitte, Zeitungsbilder oder fotografische Reproduktionen kultureller Artefakte umfasst.

Die Werke konnten durch den Tiemann-Preis erworben werden.

 


Koen van den Broek, Baie des Anges, 2022, Öl auf Leinwand

 

Koen van den Broek
Baie des Anges
2022, Öl auf Leinwand

Häuserfassaden, Straßenschluchten, Fahrzeuge und Gehwege. Seit Anfang der 2000er macht der belgische Künstler Koen van den Broek seine urbane Gegenwart zum Gegenstand seiner Gemälde. Mit Leichtigkeit bewegt er sich dabei entlang der Grenzen von Abstraktion und Abbild der Wirklichkeit.
Trotz der Abwesenheit des Menschen in den Bildern ist dessen Präsenz überall spürbar: Brücken, Abwasserkanäle, Straßenlaternen und Rohre. Seine Inspiration findet Koen van den Broek auf Fotos, die er auf Reisen aufnimmt. Die Vorlage von "Baie des Anges" war eine Aufnahme an der gleichnamigen Buch an der Côte d’Azur.

 


Jonas Englert, Circles I (Still), 2019 Video-Installation, 7 Kanäle, Found Footage

 

Jonas Englert
Circles I
2019 Video-Installation, 7 Kanäle, Found Footage

Circles II
2019, Diagramm, Siebdruck, Leuchtkasten

Jonas Englerts Videoarbeit Circles greift auf historische Aufnahmen der Zeitgeschichte zurück, die von zwischenmenschlicher Begegnung erzählen. Die Personen des öffentlichen Lebens sind ewig kreisend über den zwischen-menschlichen (Haut-)Kontakt miteinander verkettet. Die Videocollage demontiert die choreografierten Szenen politischer Begegnungen vor dem Hintergrund der Geschehnisse der beiden Weltkriege (und darüber hinaus) und deckt das Politiknetzwerk dahinter auf.

 


Sven Johne, Das sowjetische Hauptquartier, 2023, Videostill, © Sven Johne / VG Bild-Kunst, Bonn 2024

 

Sven Johne
Das sowjetische Hauptquartier
2023, 4K video, 32:57 min

Das sowjetische Hauptquartier (2023) spielt auf dem heute brachliegenden Gelände des ehemaligen Hauses der Offiziere in Wünsdorf, Brandenburg. Das schlossartige Anwesen diente bis 1994 als kulturelles Hauptquartier der in Ostdeutschland stationierten sowjetischen Truppen.

Dieses Hauptquartier ist Schauplatz eines Gesprächs zwischen dem zum Erfolg verdammten Immobilienmakler Becker und der vermeintlichen Interessentin Katharina Baronn. Im Verlauf des Filmes tritt der innere Monolog Baronns in den Vordergrund: Sie erlebte hier als 8-jähriges Kind den Abzug der sowjetischen Truppen. Seither geistert eine sentimentale Sowjetunion als vermeintliche Alternative zum real existierenden Kapitalismus in ihren Erinnerungen.

In Das sowjetische Hauptquartier kollidieren kindliche, idealisierte Erinnerungen an den Osten mit den Schrecken des real existierenden Kapitalismus.

Die Arbeit konnte mit Mitteln des Landes Sachsen-Anhalt angekauft werden.