ARCHITEKTUR DER KLOSTERKIRCHE

Die Stiftskirche wurde als dreischiffige Säulenbasilika zu neun Jochen mit dreischiffiger Krypta, Apsis und ausgeschiedener Vierung in der Amtszeit des Magdeburger Erzbischofs Werner von Steußlingen (1068-78) als einer der hochmodernsten Klosterkomplexe ihrer Zeit errichtet. Das heute das Erscheinungsbild prägende frühgotische Kreuzrippengewölbe wurde um 1220-30 in den bestehenden romanischen Bau eingefügt. Seit den Bauuntersuchungen im Jahr 2021 ist sicher, dass die gesamte Basilika mit ihrem Querhaus als einheitlicher Baukörper über alle neun Joche errichtet worden ist und somit heute im aufgehenden Mauerwerk als eines der besterhaltenen Baudenkmale der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum gelten kann.

Bereits wenige Jahre nach dem Tod des Erbauers wurde der mannigfache Zierrat der Klosterkirche in den historischen Quellen hervorgehoben. Neben den Fenstergesimsen mit Rollwerk gehören der Flechtbandfries, der sich über die Wände der beiden Langhausschiffe zieht und die Gestaltung der der Kämpferzonen und Kapitelle der Langhauspfeiler sowie zwei erhaltene Vogelfriese und diverse Palmettenfriese zu diesem Ursprungsbau.

Die Bauornamentik des dreifach geschlungenen Seils stammt ursprünglich aus der Lombardei und verbreitete sich im 11. Jahrhundert im gesamten Reichsgebiet bis nach Frankeich. Ähnlich finden sich auch die Vogelfriese in Norditalien - in Cividale und Aquileia, lassen sich die ältesten Vorbilder ausmachen.

Die Zügigkeit, mit der die Basilika in einem Jahrzehnt nach 1064 errichtet wurde, würde auch die ein oder andere Ungenauigkeit, die verschiedenen Qualitäten in der Ausführung der Steinmetzarbeiten und so manchen Formenwechsel im Detail erklären.

Für den Wernerbau ist keine Turmanlage im Westen nachweisbar. Ob diese nicht zur Ausführung kam, oder vielleicht gar nicht geplant war, da die Kirche wie viele italienische Kirchen des 11. Jahrhunderts ohne Westbau auskamen, bleibt angesichts der fehlenden Befundlage zu vermuten. Das Westjoch des Langhauses kann hingegen selbst als Vorhalle interpretiert werden. Rote Lisenen auf Höhe der letzten Pfeiler an den Seitenschiffwänden belegen, dass es ursprünglich deutlicher als heute vom übrigen Langhaus abgesetzt war.

Erst rund 50 Jahre nach Erzbischof Werners Tod beginnt mit den Prämonstratensern unter Norbert von Xanten ein neues Kapitel der Baugeschichte. Norbert selbst schreibt bei seinem Amtsantritt, dass er dringend die Kirche und das Stift sanieren wolle. In welchem baulichen Zustand die Basilika und die Gebäude um 1129 tatsächlich waren, lässt sich nicht mehr feststellen. Kaputte Dächer, ein nicht vorhandener Westbau und nach gut 50 Jahren sicher Gebrauchsspuren, eventuell Baumängel und die mittlerweile bereits unmodern wirkende Architektur werden für Norbert ausreichende Gründe gewesen sein, eine in seinen Augen veraltete Anlage zu modernisieren. Von seinen vorherigen Aufenthaltsorten in Frankreich, Xanten und Köln und der Kenntnis des französischen Baugeschehens in den großen Kathedralen und Klosterkirchen wird er schnell auf die Notwendigkeit entsprechender Ausstattungen an seinem erzbischöflichen Amtssitz in Magdeburg gedrungen haben. Norbert wird in Magdeburg also zügig mit den Bauarbeiten begonnen haben. Nachweisbar ist die baldige Errichtung des Westturmbaues mit den eigestellten Rundtürmen. Nachdem Norbert 1134 relativ überraschend gestorben war, führte sein engster Vertrauter und Schüler Evermod die Bauarbeiten weiter bzw. brachte sie zum Abschluss. Ein bei Bauarbeiten 2021 in situ gefundenes Gerüstholz mit dem Fälldatum 1138 spricht ebenso wie die erhaltenen Bauformen dafür.

Bald nach Errichtung der Turmuntergeschosse wurde in das letzte Joch der Südwand des bestehenden Gebäudes ein großes Stufenportal mit reicher Bauzier im Kapitellbereich eingebrochen. Datierungsmöglichkeiten ergeben sich über die hier verwendeten Schmuckformen, die unter anderem nicht nur den Kapitellen in der Klausur des Magdeburger Domes sondern auch jenen im sog. Kaiserdom in Königslutter vergleichbar sind. Die engen Beziehungen der beiden Bauherren Kaiser Lothar III. (1075–1137) und Norbert von Xanten sind sicher als ein Verbindungsglied zu sehen.

Neben dem Südportal gehört stilistisch auch die sogenannte Hochsäulige Kapelle, die an Stelle einer Apsis in den Winkel zwischen nördlichem Querhaus und Chorjoch an den Kreuzgang angebaut wurde, in die Bauphase unter Norbert bzw. dessen Nachfolger Evermod. Im Spätmittelalter diente der Raum, in den man auch vom Obergeschoss des Kreuzgangs gelangen konnte, als Sakristei; ob er auch ursprünglich als solche gebaut worden war, ist nicht bekannt.

Größere Veränderung erfuhr unter den Prämonstratensern schließlich auch das Langhaus der Säulenbasilika. Die einst vorhandenen Säulen – von denen sich je eine im zweiten Pfeilerpaar von Osten erhalten hat – wurden durch rechteckige Pfeiler mit Kantensäulchen und sehr qualitätvoll und verschieden ausgearbeiteten Eckkapitellen und Schmuckformen ersetzt, die heute etwas versteckt hinter dem Dienstsystem des 13. Jahrhunderts verschwinden.

Bisher wurde der Stadtbrand von 1188 für diese bauliche Veränderung verantwortlich gemacht. Untersuchungen an dem aufgehenden Mauerwerk im gesamten Kirchenschiff und in der Hochsäuligen Kapelle haben jedoch 2021 ergeben, dass sich an keiner Stelle des aufgehenden Mauerwerkes Brandspuren finden lassen. Da auch der Dom nicht ausbrannte, ist es also durchaus denkbar, dass das Feuer, zwar Teile des Klosters, jedoch nicht den Kirchenbau von St. Marien erreichte.

Damit kann nun auch die Baugeschichte unter den Prämonstratensern erstmals neu geschrieben werden. Eine Modernisierungsphase der Kirche mit Neubau der Westturmgruppe, Ausführung des Südportales, dem Neubau der Hochsäuligen Kapelle und dem weiteren Aus- und Umbau der Konventsgebäude kann somit einer Bauphase unter Norbert bzw. Evermod zugeschrieben werden.

Besonders qualitätvoll ist die Ausführung der rechteckigen Pfeiler mit eingestellten Kantensäulchen und wunderschönem Palmettenzierwerk, dass sich später in Jerichow und Naumburg findet. Von der Klosterkirche Neuwerk zu Goslar über die Krypta in Riechenberg bis hin zu den Beispielen im Kapitelsaal in Kloster Ilsenburg, auf der Neuenburg oberhalb von Freyburg/Unstrut und in der Doppelkapelle St. Crucis in Landsberg (ab 1156-1170) reichen die Beispiele. Noch ähnlicher den Magdeburger Pfeilern, sogar mit derselben Palmettenzier, findet sie sich vom Kreuzgang der Zisterzienserabtei Schulpforta (nach 1137), in der mittleren Krypta des Naumburger Domes und in der Krypta des Klosters Konradsburg in Ermsleben.

Möglicherweise für die Errichtung eines Kreuzgratgewölbes waren die alten Säulen der Magdeburger Basilika zugunsten der Pfeiler aufgegeben worden. Erbaut bzw. erneuert wurde damals das Kreuzgratgewölbe in den Seitenschiffen der Kirche, wie es bis heute erhalten geblieben ist. Weshalb die Einwölbung des Mittelschiffs in der Mitte des 12. Jahrhunderts nicht zur Ausführung kam, lässt sich nicht mehr sagen. Der Einbau der bis heute erhaltenen Gewölbe erfolgte tatsächlich erst ab 1220, zu einem Zeitpunkt, als man Kreuzrippengewölbe bauen konnte und man sich mit der nächsten Modernisierungswelle wiederum am modernsten Baugeschehen der Zeit orientierte.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass es für das Koster Unser Lieben Frauen und die Stiftskirche drei große Bauphasen gegeben hat, in denen jeweils qualitativ hochwertige Architektur errichtet wurde, die einen Anspruch manifestierte. Während es in der Bauphase unter Erzbischof Werner ab 1070 um die Stabilisierung reichspolitischer Macht ging und es modern war, sich an italienischen Motiven zu orientieren, die im gesamten Gebiet des Heiligen Römischen Reiches und darüber hinaus ihren Niederschlag fanden, stand unter Norbert von Xanten und seinem ersten Schüler und Amtsnachfolger im Orden, Evermod, der Gedanke der Präsentation eines neuen Ordens als Ausdruck monastischer Macht im Mittelpunkt. Zwar zeigt das Südportal noch immer oberitalienischen Einfluss, die Stützenapparate im Langhaus und in der Hochsäuligen Kapelle aber belegen einen deutlich modernen Einfluss. Die Aufnahme dieser Bauformen in der Mitte des 12. Jahrhunderts führte - ebenso wie um 1225 die Orientierung an hochaktuellen französischen Bauwerken - zu einem sehr eigenständigen Baugeschehen an diesem Ort, das in seiner Bedeutung für andere Bauwerke der Region weitgehend unerforscht ist.