Ausstellung
Sean Scully
Lines of Emotion
29.09.2026 -
21.03.2027
Der in Irland geborene Sean Scully (*1945) gilt heute als einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart. Mit einer unverkennbaren Handschrift aus kraftvollen Farbfeldern und rhythmischen Streifen hat sich Scully weltweit einen Platz in den großen Museen und Sammlungen erobert und nimmt eine zentrale Position in der Geschichte der Malerei nach 1960 ein. Sein Werk ist geprägt von einer kontinuierlichen Selbst- und Fremdreflexion, die er nicht nur in seinem bildnerischen Schaffen, sondern auch in zahlreichen Schriften diskutiert.
In der Ausstellung „Sean Scully. Lines of Emotion" werden die wichtigsten Werkgruppen der letzten 30 Jahre in der räumlich einmaligen Situation eines vierflügeligen Kreuzganges arrangiert. Neben den großformatigen Dorics und den Wall of Lights, die den absoluten Höhepunkt seines Stils zeigen und bis heute sein unverwechselbares künstlerisches Markenzeichen sind, steht das figürliche Ausnahmeprojekt Eleuthera (2015–2017), das sich intensiv auf den deutschen Expressionismus bezieht. Die 34 großformatigen Gemälde und zahlreiche Zeichnungen, die für die Präsentation ausgewählt wurden, sind geprägt von einer perfekten Balance zwischen der strengen Geometrie des Minimalismus und einer tiefen, emotionalen Expressivität. In der monastischen Architektur der vier langen Kreuzgangflügel finden die Bilder eine ganz neue, eine fast körperliche Präsenz. Sie sprechen von Licht, Erinnerung und Zwischenräumen und breiten sich im Raum aus.
Inspiriert von modernen und abstrakten Maler*innen sowie von Reisen nach Marokko und Mexiko begann für Scully vor vielen Jahrzehnten ein Umgang mit Farbe und Licht, der sich zunehmend lebendigen, intensiven Farbtönen und einer starken Lichtwirkung öffnete. Das Licht scheint regelrecht hinter den massiven Streifen hervorzubrechen, die in dichten Schichten übereinandergelegt sind.
Im farbigen Raster seiner Bilder organisiert der Künstler seine Gedanken, seine Gefühle und letztlich seine Vision. Es ist die Struktur, auf der er bauen und malen und in endloser Vielfalt und Tiefe die einfache Schönheit von Farbe und Linie erklären kann. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht für Scully die Aufgabe, Farbe nicht nur als malerisches Mittel, sondern als beinahe anthropomorphe, körperhafte Struktur zu begreifen, die im Zusammenspiel mit Licht eine eigene, fast atmosphärische Präsenz entfaltet. Die scheinbar abstrakten Farbblöcke und Streifen sind tiefgreifende, emotionale Arenen, die von Menschsein, Verlust, Erinnerung und der Kraft menschlicher Beziehungen erzählen.
Die Werke aus diesen Serien hängen in fast allen großen Museen der Welt (darunter das Metropolitan Museum of Art in New York, die Tate Modern in London und die Pinakothek der Moderne in München).
Die Ausstellung wird gefördert von:


Ausstellung
Farbe und Gebiet
Joachim Brohm
10.09.2026 -
31.01.2027
Seit Jahrzehnten schafft Joachim Brohm fotografische Archive, die den langfristigen Wandel zivilisatorischer Randzonen sichtbar machen. Er richtet seinen Blick auf jene Aspekte der Welt, die unseren gewöhnlichen Alltag bestimmen. Seine Fotografien erscheinen nüchtern, zurückhaltend und beinahe beiläufig. Übergangszonen und Randgebiete, Wohnsiedlungen, Campingplätze, Flussufer oder Gewerbeflächen wandeln sich in seinen Bildern zu Untersuchungsfeldern voller Geschichten. Gerade diese ungeschönte Darstellung des Alltäglichen wird durch präzise Kompositionen und die subtile Beobachtung der Farbigkeit immer wieder gebrochen.
Die Ausstellung Farbe und Gebiet zeigt Fotografien der zentralen Serien „Ruhr“ (1981-1983), „Areal“ (1992-2002), „Ohio“ (1983-1984) sowie der neu zusammengestellten Serie „Farbe und Gebiet“ (1986-1992). Die Aufnahmen der Serie „Ruhr“ zeugen von der Orientierung an den sachlichen Blicken der New Topographics und verraten doch eine große Veränderung. Brohms Farben sind matt, nuanciert und oft von dem diffusen, mitteleuropäischen Tageslicht geprägt, setzen sich bewusst von der knalligen, übersättigten Werbeästhetik seiner Entstehungszeit ab und sind doch keine komplette Absage an das visuelle Spektakel. Die typischen Farben des Alltags – von verwaschenem Blau über Rostbraun bis zu den verblassten Oberflächen von Campingwagen, Imbissbuden oder Freizeitanlagen – treten allmählich zurück.
Die Fotoserie „Ohio“ richtet den Blick auf alltägliche urbane Orte in den USA als Sinnbilder eines Landes im Wandel. Überdimensionierte Autos, verlassene Schauplätze und zerstörte Werbetafeln vermitteln eine Atmosphäre von Vergänglichkeit, Entfremdung und dem brüchig gewordenen amerikanischen Traum. Hier beginnt eine Entwicklung von einer soziokulturellen Milieustudie hin zu einer fast schon minimalistischen, architektonischen Abstraktion, die letztlich in der Serie „Areal“ ihren Höhepunkt findet: Über elf Jahre dokumentierte Brohm die Transformation des ehemaligen Gewerbegebiets im Norden Münchens; von einem Ort für blühende Wirtschaft über deren sukzessiven Verfall hin zu ersten Anfängen von neuer Wohnbebauung und steht so für Veränderungen der Zeit, die exemplarisch für alle Regionen Europas Gültigkeit besitzt.
Beeinflusst von der amerikanischen Fotografie der 1970er Jahre und konzeptuell-topografischen Ansätzen, entwickelt Joachim Brohm (*1955 in Dülken) einen Blick, der das Sichtbare dekonstruiert. Industrieanlagen verlieren ihre Funktionalität und erscheinen wie Skulpturen im Raum. Der dokumentarische Gestus wird dabei gebrochen zugunsten einer ästhetischen, fast meditativen Betrachtung. Brohms fotografische Sprache schafft so eine paradoxe Nähe: Als Betrachtende bleiben wir auf Distanz und fühlen uns dem Gezeigten zugleich merkwürdig verbunden.
Die Ausstellung wird gefördert von:


Fotoband zur Serie "Farbe und Gebiet":
Joachim Brohm. Farbe und Gebiet
Hrsg. Annegret Laabs
Text dt/engl.: Annegret Laabs, Uwe Gellner
Übersetzung: Jennifer Taylor
110 S., zahlreiche Abb., Softcover
Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln
ISBN 978-3-7533-1078-7
Preis: 38,00 Euro
während der Ausstellungslaufzeit: 21,00 Euro

Ausstellung
Architecture as instrument
02.11.2026 -
06.01.2027
Stefan Schultze (Komposition) und Paul von Chamier (Audiovisual Performance)
In Architecture as Instrument wird der Kirchenraum selbst zum Teil einer begehbaren Komposition. Ausgangspunkt ist ein mechanischer Selbstspielapparat für Klavier – doch das Instrument, das eigentlich spielen sollte, fehlt. Von diesem abwesenden Instrument aus entwickeln Stefan Schultze und Paul von Chamier ein audiovisuelles System, das sich über den gesamten Raum erstreckt. Mehrkanal-Klang und Projektionen greifen in die Architektur ein: Säulen, Wände und Gewölbe werden zu Trägern eigener visueller und klanglicher Prozesse. Beim Durchqueren der Installation erschließen sich immer neue Beziehungen zwischen Architektur, Mechanik, Klang und Bild.
Ausstellung
Das geteilte Jetzt
The Shared Now
28.04.2026 -
06.09.2026
Was heißt es, heute im Hier und Jetzt zu leben – und zeitgleich unterschiedliche Gegenwarten zu erfahren? In einer Zeit beschleunigter Informationen, ständiger gesellschaftlicher Umbrüche und individueller Positionierungen tritt das Verhältnis von persönlicher Erfahrung und kollektiver Wirklichkeit auch in den Werken der Künstler*innen sichtbarer als je zuvor in den Fokus. Vor dem Hintergrund multipler Krisen – ökologisch, politisch, sozial – wird das ständige Neuverhandeln zwischen Kunst und Leben mehr und mehr zum Thema der Kunst.
Wie nehmen Künstler*innen heute die Gegenwart wahr, verhandeln und interpretieren sie ihre alltäglichen Erfahrungen? Demokratien verwandeln sich in autoritäre Regime, die jeden Widerstand effektiv bekämpfen, die Weltordnung ist ins Wanken geraten und die Beschleunigung unseres Lebenstempos führt zu einer verzerrten Beziehung zwischen dem Selbst und der Welt. Der Mensch erlebt eine zunehmende Entfremdung von sich selbst, die sich nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch in seinem Verhältnis zu sozialen Strukturen und der Umwelt manifestiert. Diese Entfremdung ist vielschichtig: Sie betrifft die soziale Dimension, aber ebenso die Beziehung zu Raum, Zeit, Dingen und den eigenen Handlungen.
Kunst überschreitet Grenzen, verbindet Räume und Zeiten und vermischt Realität mit Fiktion. Künstler*innen hinterfragen unsere Gegenwart, setzen sich immer wieder intensiv mit den physischen, emotionalen und ästhetischen Grenzen auseinander, die das individuelle und gesellschaftliche Leben prägen. Indem sie diese Grenzen ausloten und überschreiten, richten sie ihren Blick gezielt auf die Mechanismen und Logiken politischen und individuellen Handelns.
In den künstlerischen Beispielen der Ausstellung geht es um die Fragilität von Freiheit und Menschlichkeit, um persönliches Engagement, um Verantwortung. Angesichts der Klimakrise, von Kriegen und wachsender sozialer Ungleichheit werden auch in der Kunst tiefgreifende Erfahrungen beschrieben. Wie Sisyphos kämpft der Fallschirmspringer im Video von Christiane Möbus gegen den Wind, der als Sinnbild realer und unmittelbarer Bedrohung der menschlichen Freiheit und der Gesellschaft steht.
Auch andere ausgewählte Positionen, ob Malerei, Video oder Skulptur und Fotografie, zeigen, dass Gewissheiten nicht neutral sind, sondern aus subjektiven Blickwinkeln entstehen. Das „Jetzt“ erscheint dabei nicht als stabiler Zustand, sondern als fragiler, geteilter Moment – geprägt von individuellen Stimmen, Haltungen und Wahrnehmungen. Das geteilte Jetzt lädt dazu ein, Gegenwart als etwas Vielstimmiges zu begreifen und die eigene Position darin neu zu reflektieren.
Künstler*innen: Emma Adler, Vasil Berela, Judith Blum Reddy, Kurt Buchwald, Göran Gnaudschun, Susie Hamilton, Mathilde Tijen Hansen, Susann Maria Hempel, Anna Jermolaewa, Sven Johne, Roman Khimei & Yarema Malashchuk, Christiane Möbus, Marcel Odenbach, Ulf Puder, Baldur Schönfelder, Igor Simić
Abb: Yarema Malashchuk und Roman Khimei, You Shouldn’t Have to See This, 2024, Foto: Kunstmuseum Magdeburg
Die Ausstellung wird gefördert von:

Ausstellung
Itamar Gov
THE RHINOCEROS IN THE ROOM - in Zeitz
31.08.2026 -
13.09.2026
„The Rhinoceros in the Room“ von Itamar Gov geht auf Tour in Sachsen-Anhalt: Vom 31. August bis 13. September wird das überlebensgroße Nashorn in der Nikolaikirche in Zeitz präsentiert.
Die Installation eines überlebensgroßen Rhinozeros versperrt den Blick und den Gang durch den Raum. Das friedfertige Tier, das den Raum ausfüllt, wird begleitet von einer polyphonen Klangkomposition.
AUSSTELLUNGSORT:
Nikolaikirche
Geschwister-Scholl-Straße 3
06712 Zeitz
31.08. bis 13.09.2026, Eröffnung: 30.08., 17 Uhr
Öffnungszeiten: Mo-Do 11 bis 17 Uhr, Fr-So 11 bis 20 Uhr
Spätestens seit dem berühmten Holzschnitt von Albrecht Dürer ist das Nashorn (Rhinozeros) als Sinnbild imperialer Macht eng mit Europa verbunden. Mit Horn und Panzerung zog das Relikt eines Urviechs die Blicke der Schaulustigen und mächtiger Potentaten auf sich. Doch der halbblinde Mehrtonner, dickhäutig und standsicher – von den Menschen fast ausgerottet – ist aufgrund seiner sensiblen Natur auch eine Gefahr für den Menschen. Auf dieser Ambivalenz beruht die Installation des „Rhinozeros im Raum“, verbindet historische Ereignisse, philosophische Ideen und lokale Legenden und hinterfragt die fragilen Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Erinnerung und Vorstellung.
Aus einer raumfüllenden Mehrkanalkomposition von Bruno Delepelaire für acht Celli (Bruno Delepelaire und Moritz Huemer) und Gesang (Noa Beinart) hören wir klassische Melodien oder ein beruhigendes Wiegenlied heraus, erkennen Textzeilen aus Goethes Erlkönig und erhaschen Klänge aus dem hebräischen Hitragut von Paul Ben-Haim. Die beiden „Welten" von Erlkönig und Hitragut bilden eine Art Dialog, ein Gute-Nacht-Lied und ein gruseliges Märchen, was ständig zwischen sanfter Beruhigung und alarmierendem Horror hin- und her wechselt.
Vor dem Hintergrund eines in den 1950er Jahren entstandenen Theaterstücks von Eugène Ionescos, in dem die Verwandlung der Menschen in Nashörner als Metapher für gesellschaftliche Konformität und Widerstand steht, und der Existenz der hebräischen Formulierung „sich zu rhinocerosieren”, um den Prozess zu beschreiben, durch den Individuen und Gesellschaften autoritären Strömungen folgen und gegenüber den gewalttätigen Auswirkungen solcher Entwicklungen gleichgültig werden, wird diese Installation zu einem Projekt, das sich mit Themen wie Mythos, Autoritarismus und demokratischer Resilienz auseinandersetzt. Traum und Alptraum breiten sich im Kirchenschiff aus und verbinden sich mit dem Untertitel der Installation "Oder: Ein Märchen von Banalität und Bösem", die mahnend an den Ausspruch die „Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt als Ausdruck totalitärer Herrschaftssysteme erinnert.
In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend von grundlegenden Fragen des Zusammenlebens geprägt sind, thematisiert die Installation Mechanismen von Konformität, antidemokratische Einstellungen und Widerstand und lädt dazu ein, über eine offene tolerante Gesellschaft nachzudenken. Mit den Stationen an unterschiedlichen Orten im Land Sachsen-Anhalt wird die Gelegenheiten für Begegnung und Austausch außerhalb des Kunstkontextes geschaffen – mitten im öffentlichen Raum.
Itamar Gov, geboren 1989 in Tel Aviv, lebt seit 2010 in Berlin, studierte Filmwissenschaft, Literatur und Geschichte in Bologna, Berlin und Paris. Gov hat seine Arbeiten in zahlreichen Institutionen auf der Welt präsentiert und war Artist-in-Residence unter anderem an der Cité internationale des arts, dem Nordic Artists' Centre, und 2025 der Casa Baldi Rom.
STATIONEN
St. Moritzkirche
An der Moritzkirche 8
06108 Halle (Saale)
Öffnungszeiten
08. bis 13. Juli 2026: 11-17 Uhr
Mönchskirche Salzwedel
(Kunst- & Konzerthalle)
An der Mönchskirche
29410 Hansestadt Salzwedel
18.07. bis 27.07.2026, Eröffnung: 17.07., 18 Uhr
Öffnungszeiten: 11 bis 17 Uhr, Fr, 24.07. zusätzlich auch 20 bis 23 Uhr
Alte Brauerei Dessau
Brauereistraße 1-2
06847 Dessau-Roßlau
01.08. bis 10.08.2026, Eröffnung: 31.07.2026, 18 Uhr
Öffnungszeiten: 11 bis 17 Uhr
Nikolaikirche Zeitz
Geschwister-Scholl-Straße 3
06712 Zeitz
31.08. bis 13.09.2026, Eröffnung: 30.08.2026
Ausstellung
Grace Weaver
Prélude
10.03.2026 -
16.08.2026
Grace Weaver (*1989 in Vermont, USA) ist eine der interessantesten jungen Malerinnen der Gegenwart. Mit ihren überlebensgroßen Gemälden sucht sie nach Möglichkeiten, die menschliche Form neu auszuloten, und verleiht der figürlichen Malerei des 21. Jahrhunderts neue Impulse.
Die Ausstellung „Prélude“ zeigt Arbeiten der Werkgruppen Flower (2024) und Mothers (2025). Beide verbindet ein konzentriertes Interesse an Linie, Haltung und malerischer Geste.
In der Serie Flower erscheinen die Blumen als körperhafte, fast figürliche Formen, aufrecht stehend, herabhängend oder in einem Gewirr von Stielen verflochten, die zwischen Abstraktion und emotionalem Ausdruck oszillieren. Monumentale Bilder archetypischer Szenen stellt die Serie Mothers dar: Mütter mit Kindern und weibliche Akte. Weavers Gemälde greifen Motive aus verschiedenen Epochen wie antike Terrakottafiguren, Cranachs Madonnen oder ägyptische Statuetten auf und die Körperhaltungen erinnern an ikonische Darstellungen von Eva oder Aphrodite. Im Gegensatz zu ihren kunsthistorischen Vorgängerinnen bewegen sie sich jedoch nicht in einer Sphäre unantastbarer Schönheit, sondern vermitteln einen zeitgenössischen Zugang zu Identität, Körperlichkeit und weiblicher Erfahrung, der zwischen Selbstschutz und Offenheit changiert.
Leihgaben: Galerie Max Hetzler Berlin | Paris | London | Marfa und Soy Capitán, Berlin
Abb: Grace Weaver, Untitled (Mother and Child), 2025, Acryl auf Leinwand, 300 x 500 cm
© Grace Weaver, courtesy the artist and Galerie Max Hetzler Berlin | Paris | London | Marfa.
Ausstellung
Itamar Gov
THE RHINOCEROS IN THE ROOM
27.01.2026 -
05.07.2026
Oder: Ein Märchen von Banalität und Bösem
Die Installation eines überlebensgroßen Rhinozeros versperrt den Blick und den Gang durch den mittelalterlichen Kirchenraum. Das friedfertige Tier, das den Raum ausfüllt, wird begleitet von einer polyphonen Klangkomposition.
Spätestens seit dem berühmten Holzschnitt von Albrecht Dürer ist das Nashorn (Rhinozeros) als Sinnbild imperialer Macht eng mit Europa verbunden. Mit Horn und Panzerung zog das Relikt eines Urviechs die Blicke der Schaulustigen und mächtiger Potentaten auf sich. Doch der halbblinde Mehrtonner, dickhäutig und standsicher – von den Menschen fast ausgerottet – ist aufgrund seiner sensiblen Natur auch eine Gefahr für den Menschen. Auf dieser Ambivalenz beruht die Installation des „Rhinozeros im Raum“, verbindet historische Ereignisse, philosophische Ideen und lokale Legenden und hinterfragt die fragilen Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Erinnerung und Vorstellung.
Aus einer raumfüllenden Mehrkanalkomposition von Bruno Delepelaire für acht Celli (Bruno Delepelaire und Moritz Huemer) und Gesang (Noa Beinart) hören wir klassische Melodien oder ein beruhigendes Wiegenlied heraus, erkennen Textzeilen aus Goethes Erlkönig und erhaschen Klänge aus dem hebräischen Hitragut von Paul Ben-Haim. Die beiden „Welten" von Erlkönig und Hitragut bilden eine Art Dialog, ein Gute-Nacht-Lied und ein gruseliges Märchen, was ständig zwischen sanfter Beruhigung und alarmierendem Horror hin- und her wechselt.
Vor dem Hintergrund eines in den 1950er Jahren entstandenen Theaterstücks von Eugène Ionescos, in dem die Verwandlung der Menschen in Nashörner als Metapher für gesellschaftliche Konformität und Widerstand steht, und der Existenz der hebräischen Formulierung „sich zu rhinocerosieren”, um den Prozess zu beschreiben, durch den Individuen und Gesellschaften autoritären Strömungen folgen und gegenüber den gewalttätigen Auswirkungen solcher Entwicklungen gleichgültig werden, wird diese Installation zu einem Projekt, das sich mit Themen wie Mythos, Autoritarismus und demokratischer Resilienz auseinandersetzt. Traum und Alptraum breiten sich im Kirchenschiff aus und verbinden sich mit dem Untertitel der Installation, die mahnend an den Ausspruch die „Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt als Ausdruck totalitärer Herrschaftssysteme erinnert.
Itamar Gov, geboren 1989 in Tel Aviv, lebt seit 2010 in Berlin, studierte Filmwissenschaft, Literatur und Geschichte in Bologna, Berlin und Paris. Gov hat seine Arbeiten in zahlreichen Institutionen auf der Welt präsentiert und war Artist-in-Residence unter anderem an der Cité internationale des arts, dem Nordic Artists' Centre, und 2025 der Casa Baldi Rom.
Ausstellung
Herausgeforderte Gemeinschaft
Jubiläumsausstellung 2025
14.06.2025 -
09.03.2026
Im Jahr 2025 feiert das Kunstmuseum Magdeburg sein 50-jähriges Bestehen: ein halbes Jahrhundert künstlerische Auseinandersetzung, gesellschaftliche Reflexion und kultureller Wandel. Seit seiner Gründung widmet sich das Museum der Gegenwartskunst – damals wie heute. Von der staatlich gelenkten DDR-Kunstpolitik über die Aufbruchsstimmung der Demokratiebewegung 1989 bis zur internationalen Öffnung der letzten Jahrzehnte erzählt das Haus von einem kontinuierlichen Wandel.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Sammlung wider: Viele Werke entstanden im Spannungsfeld gesellschaftlicher Umbrüche. Sie zeugen von Nähe und Distanz, von Abgrenzung und Gemeinschaft als etwas Fragilem und immer wieder Herausgeforderten. Unter dem Titel Herausgeforderte Gemeinschaft vereint die Jubiläumsausstellung Kunstwerke, die Eigenwilligkeit, Widerspruch und gesellschaftliche Vielstimmigkeit sichtbar machen. Zentrale Werke aus der Sammlung treten in einen Dialog mit Gegenwartspositionen, die für diese Ausstellung teilweise neu entstanden sind.
In diesem Zusammenspiel gehen sie der Komplexität der Gemeinschaft nach und regen dazu an, über historische und gegenwärtige Formen des Miteinanders nachzudenken. Gemeinschaft ist nie selbstverständlich und muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Die Kunstwerke machen Ambivalenzen sichtbar, stellen gewohnte Denkmuster infrage und loten die Grenzen zwischen individueller und kollektiver Erinnerung aus.
Auf der gesamten Ausstellungsfläche des Museums zeigt HERAUSGEFORDERTE GEMEINSCHAFT ein vielschichtiges Panorama aus Malerei, Fotografie, Videoarbeiten, Installationen, Grafik und Skulptur. Die Ausstellung spannt dabei einen Bogen über fünf Jahrzehnte: von künstlerischen Praktiken des 20. Jahrhunderts über die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1989 bis hin zu heutigen Formen des Zusammenlebens. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Gemeinschaft und Miteinander – und auch die Rolle, die jede*r Einzelne darin spielt.
Künstler*innen aus der Sammlung: Özlem Altın, Giovanni Anselmo, Johanna Bartl, Horst Bartnig, Christian Boltanski, Sergey Bratkov, Peter Bräuning/Grit Bümann/Ansgar Frerich, Heinz Breloh, Joachim Brohm, Ernesto Burgos, Anthony Caro, Lawrence Carroll, Enrico Castellani, William Christenberry, Johan Creten, Hartwig Ebersbach, Jonas Englert, Brian Eno, Ruth Francken, Nan Goldin, Monika Huber, Leiko Ikemura, Sanja Iveković, Sven Johne, Rashid Johnson, Annika Kahrs, Koji Kamoji, Jens Klein, Jannis Kounellis, Wieland Krause, Lore Krüger, Hans-Wulf Kunze, Rolf Lindemann, David Lynch, Christiane Möbus, Maurizio Nannucci, Norbert Prangenberg, Lucas Reiner, Raffael Rheinsberg, Xanti Schawinsky, Michael Schmidt, Baldur Schönfelder, Jochen Seidel, Christopher J. Smith, Hito Steyerl, Gabriele Stötzer, Werner Stötzer, Zandile Tshabalala, Max Uhlig, Olaf Wegewitz, Tobias Zielony, Gilberto Zorio
Eingeladene Positionen von: Isaac Chong Wai, Itamar Gov, Marina Naprushkina, Diane Severin Nguyen, Elske Rosenfeld
Ausstellung
Annika Kahrs
Infra Voice
15.11.2025 -
08.02.2026
Präsentation aus der Sammlung
Musik und Sprache, Tiere und Menschen, Kommunikation und Stille – das sind die Pole, zwischen denen sich Annika Kahrs in ihren Filmen, Performances und Installationen bewegt. Oft fragt sie nach den Möglichkeiten und Grenzen von Verständigung und möglichen Zugängen zur Welt und zum Anderen.
Für »Infra Voice« beschäftigte sich die Künstlerin mit Infraschall, mit Frequenzen unterhalb von etwa 20 Hertz, die so tief sind, dass sie das menschliche Gehör kaum mehr wahrnehmen kann. Einige Tierarten kommunizieren mit Tönen dieser Frequenzen, etwa Giraffen. Unser Bild von eleganten Riesen, die langbeinig und grazil durch die Savanne streifen, ist zweifellos auch davon geprägt, dass die Tiere uns stumm erscheinen. Mit »Infra Voice« gibt Kahrs ihnen eine Stimme, und zwar nicht, was möglich wäre, durch Transponierung ihrer Laute und Töne in den hörbaren Bereich, sondern durch Musik.
Denn dass die menschliche Wahrnehmung im Infraschallbereich an ihre Grenzen stößt, heißt nicht, dass Menschen nicht versucht haben, in diese Bereiche vorzustoßen. Der Geigenbauer Jean-Baptiste Vuillaume erfand zu genau diesem Zweck 1850 den Oktobass, das größte je gebaute Streichinstrument, das die Möglichkeiten der Musik in den Bassbereich erweiterte. Ein Oktobass wiegt deutlich über hundert Kilogramm und misst beinahe vier Meter. Gespielt wird er wie ein Kontrabass, allerdings werden die Saiten nicht gegriffen, sondern über Bügel gedrückt, die über Griffe und Fußpedale betätigt werden können. Das Instrument setzte sich nie durch, doch existieren einige wenige Exemplare und Nachbauten. Aus der merkwürdigen Koinzidenz der Giraffenkommunikation mit dem kuriosen Streichinstrument entwickelte Kahrs ihre Videoinstallation.
Die Dimensionen ihrer Protagonisten aufnehmend, konfrontiert sie die Giraffen des Hamburger Tierparks Hagenbeck mit einer eigens geschriebenen Komposition für Oktobass der Norwegerin Guro Skumsnes Moe. Auf der Basis einfacher Analogien – Größe, Form, Klang – entwickelt sich in der räumlichen Installation dreier hochformatiger Leinwände ein komplexes Zusammenspiel der Blickbeziehungen, der Mikroperspektiven beim Abtasten der Körper von Instrument und Tier und des Verlaufs der Zeit über einen Tag hinweg bis zur Giraffendämmerung.
Ausstellung
Stadt
Hermann Brösel
13.12.2025 -
02.02.2026
Im Kubus am Kunstmuseum Magdeburg werden Fotografien von Hermann Brösel gezeigt. Der Magdeburger Unternehmer und Fotograf widmete sich zeitlebens mit großer Präzision der Fotografie und dokumentierte über mehrere Jahrzehnte das Stadtbild seiner Heimat.
Eine Auswahl dieser Fotografien wird auf einer Leinwand im Kubus präsentiert, die täglich von 16 bis 24 Uhr gezeigt werden, und einen Einblick in die Chronik der Stadt Magdeburg gibt.
Abb: Hermann Brösel, Arbeiten an der Elbe © Stadtarchiv Magdeburg

