Ausstellung
Itamar Gov
THE RHINOCEROS IN THE ROOM
27.01.2026 -
05.07.2026
Oder: Ein Märchen von Banalität und Bösem
Die Installation eines überlebensgroßen Rhinozeros versperrt den Blick und den Gang durch den mittelalterlichen Kirchenraum. Das friedfertige Tier, das den Raum ausfüllt, wird begleitet von einer polyphonen Klangkomposition.
Spätestens seit dem berühmten Stich von Albrecht Dürer ist das Nashorn (Rhinozeros) als Sinnbild imperialer Macht eng mit Europa verbunden. Mit Horn und Panzerung zog das Relikt eines Urviechs die Blicke der Schaulustigen und mächtiger Potentaten auf sich. Doch der halbblinde Mehrtonner, dickhäutig und standsicher – von den Menschen fast ausgerottet – ist aufgrund seiner sensiblen Natur auch eine Gefahr für den Menschen. Auf dieser Ambivalenz beruht die Installation des „Rhinozeros im Raum“, verbindet historische Ereignisse, philosophische Ideen und lokale Legenden und hinterfragt die fragilen Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Erinnerung und Vorstellung.
Aus einer raumfüllenden Mehrkanalkomposition von Bruno Delepelaire für acht Celli (Bruno Delepelaire und Moritz Huemer) und Gesang (Noa Beinart) hören wir klassische Melodien oder ein beruhigendes Wiegenlied heraus, erkennen Textzeilen aus Goethes Erlkönig und erhaschen Klänge aus dem hebräischen Hitragut von Paul Ben-Haim. Die beiden „Welten" von Erlkönig und Hitragut bilden eine Art Dialog, ein Gute-Nacht-Lied und ein gruseliges Märchen, was ständig zwischen sanfter Beruhigung und alarmierendem Horror hin- und her wechselt.
Vor dem Hintergrund eines in den 1950er Jahren entstandenen Theaterstücks von Eugène Ionescos, in dem die Verwandlung der Menschen in Nashörner als Metapher für gesellschaftliche Konformität und Widerstand steht, und der Existenz der hebräischen Formulierung „sich zu rhinocerosieren”, um den Prozess zu beschreiben, durch den Individuen und Gesellschaften autoritären Strömungen folgen und gegenüber den gewalttätigen Auswirkungen solcher Entwicklungen gleichgültig werden, wird diese Installation zu einem Projekt, das sich mit Themen wie Mythos, Autoritarismus und demokratischer Resilienz auseinandersetzt. Traum und Alptraum breiten sich im Kirchenschiff aus und verbinden sich mit dem Untertitel der Installation, die mahnend an den Ausspruch die „Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt als Ausdruck totalitärer Herrschaftssysteme erinnert.
Itamar Gov, geboren 1989 in Tel Aviv, lebt seit 2010 in Berlin, studierte Filmwissenschaft, Literatur und Geschichte in Bologna, Berlin und Paris. Gov hat seine Arbeiten in zahlreichen Institutionen auf der Welt präsentiert und war Artist-in-Residence unter anderem an der Cité internationale des arts, dem Nordic Artists' Centre, und 2025 der Casa Baldi Rom.
Hinweis: Vom 12. bis 22. März, während der Magdeburger Teleman-Festtage, ist "The Rhinoceros in the Room" nicht in der Klosterkirche zu sehen.
Ausstellung
Annika Kahrs
Infra Voice
15.11.2025 -
08.02.2026
Präsentation aus der Sammlung
Musik und Sprache, Tiere und Menschen, Kommunikation und Stille – das sind die Pole, zwischen denen sich Annika Kahrs in ihren Filmen, Performances und Installationen bewegt. Oft fragt sie nach den Möglichkeiten und Grenzen von Verständigung und möglichen Zugängen zur Welt und zum Anderen.
Für »Infra Voice« beschäftigte sich die Künstlerin mit Infraschall, mit Frequenzen unterhalb von etwa 20 Hertz, die so tief sind, dass sie das menschliche Gehör kaum mehr wahrnehmen kann. Einige Tierarten kommunizieren mit Tönen dieser Frequenzen, etwa Giraffen. Unser Bild von eleganten Riesen, die langbeinig und grazil durch die Savanne streifen, ist zweifellos auch davon geprägt, dass die Tiere uns stumm erscheinen. Mit »Infra Voice« gibt Kahrs ihnen eine Stimme, und zwar nicht, was möglich wäre, durch Transponierung ihrer Laute und Töne in den hörbaren Bereich, sondern durch Musik.
Denn dass die menschliche Wahrnehmung im Infraschallbereich an ihre Grenzen stößt, heißt nicht, dass Menschen nicht versucht haben, in diese Bereiche vorzustoßen. Der Geigenbauer Jean-Baptiste Vuillaume erfand zu genau diesem Zweck 1850 den Oktobass, das größte je gebaute Streichinstrument, das die Möglichkeiten der Musik in den Bassbereich erweiterte. Ein Oktobass wiegt deutlich über hundert Kilogramm und misst beinahe vier Meter. Gespielt wird er wie ein Kontrabass, allerdings werden die Saiten nicht gegriffen, sondern über Bügel gedrückt, die über Griffe und Fußpedale betätigt werden können. Das Instrument setzte sich nie durch, doch existieren einige wenige Exemplare und Nachbauten. Aus der merkwürdigen Koinzidenz der Giraffenkommunikation mit dem kuriosen Streichinstrument entwickelte Kahrs ihre Videoinstallation.
Die Dimensionen ihrer Protagonisten aufnehmend, konfrontiert sie die Giraffen des Hamburger Tierparks Hagenbeck mit einer eigens geschriebenen Komposition für Oktobass der Norwegerin Guro Skumsnes Moe. Auf der Basis einfacher Analogien – Größe, Form, Klang – entwickelt sich in der räumlichen Installation dreier hochformatiger Leinwände ein komplexes Zusammenspiel der Blickbeziehungen, der Mikroperspektiven beim Abtasten der Körper von Instrument und Tier und des Verlaufs der Zeit über einen Tag hinweg bis zur Giraffendämmerung.
Ausstellung
Herausgeforderte Gemeinschaft
Jubiläumsausstellung 2025
14.06.2025 -
29.03.2026
Im Jahr 2025 feiert das Kunstmuseum Magdeburg sein 50-jähriges Bestehen: ein halbes Jahrhundert künstlerische Auseinandersetzung, gesellschaftliche Reflexion und kultureller Wandel. Seit seiner Gründung widmet sich das Museum der Gegenwartskunst – damals wie heute. Von der staatlich gelenkten DDR-Kunstpolitik über die Aufbruchsstimmung der Demokratiebewegung 1989 bis zur internationalen Öffnung der letzten Jahrzehnte erzählt das Haus von einem kontinuierlichen Wandel.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Sammlung wider: Viele Werke entstanden im Spannungsfeld gesellschaftlicher Umbrüche. Sie zeugen von Nähe und Distanz, von Abgrenzung und Gemeinschaft als etwas Fragilem und immer wieder Herausgeforderten. Unter dem Titel Herausgeforderte Gemeinschaft vereint die Jubiläumsausstellung Kunstwerke, die Eigenwilligkeit, Widerspruch und gesellschaftliche Vielstimmigkeit sichtbar machen. Zentrale Werke aus der Sammlung treten in einen Dialog mit Gegenwartspositionen, die für diese Ausstellung teilweise neu entstanden sind.
In diesem Zusammenspiel gehen sie der Komplexität der Gemeinschaft nach und regen dazu an, über historische und gegenwärtige Formen des Miteinanders nachzudenken. Gemeinschaft ist nie selbstverständlich und muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Die Kunstwerke machen Ambivalenzen sichtbar, stellen gewohnte Denkmuster infrage und loten die Grenzen zwischen individueller und kollektiver Erinnerung aus.
Auf der gesamten Ausstellungsfläche des Museums zeigt HERAUSGEFORDERTE GEMEINSCHAFT ein vielschichtiges Panorama aus Malerei, Fotografie, Videoarbeiten, Installationen, Grafik und Skulptur. Die Ausstellung spannt dabei einen Bogen über fünf Jahrzehnte: von künstlerischen Praktiken des 20. Jahrhunderts über die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1989 bis hin zu heutigen Formen des Zusammenlebens. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Gemeinschaft und Miteinander – und auch die Rolle, die jede*r Einzelne darin spielt.
Künstler*innen aus der Sammlung: Özlem Altın, Giovanni Anselmo, Johanna Bartl, Horst Bartnig, Christian Boltanski, Sergey Bratkov, Peter Bräuning/Grit Bümann/Ansgar Frerich, Heinz Breloh, Joachim Brohm, Ernesto Burgos, Anthony Caro, Lawrence Carroll, Enrico Castellani, William Christenberry, Johan Creten, Hartwig Ebersbach, Jonas Englert, Brian Eno, Ruth Francken, Nan Goldin, Monika Huber, Leiko Ikemura, Sanja Iveković, Sven Johne, Rashid Johnson, Annika Kahrs, Koji Kamoji, Jens Klein, Jannis Kounellis, Wieland Krause, Lore Krüger, Hans-Wulf Kunze, Rolf Lindemann, David Lynch, Christiane Möbus, Maurizio Nannucci, Norbert Prangenberg, Lucas Reiner, Raffael Rheinsberg, Xanti Schawinsky, Michael Schmidt, Baldur Schönfelder, Jochen Seidel, Christopher J. Smith, Hito Steyerl, Gabriele Stötzer, Werner Stötzer, Zandile Tshabalala, Max Uhlig, Olaf Wegewitz, Tobias Zielony, Gilberto Zorio
Eingeladene Positionen von: Isaac Chong Wai, Itamar Gov, Marina Naprushkina, Diane Severin Nguyen, Elske Rosenfeld
Ausstellung
Grace Weaver
Prélude
10.03.2026 -
16.08.2026
Grace Weaver (*1989 in Vermont, USA) ist eine der interessantesten jungen Malerinnen der Gegenwart. Mit ihren überlebensgroßen Gemälden sucht sie nach Möglichkeiten, die menschliche Form neu auszuloten, und verleiht der figürlichen Malerei des 21. Jahrhunderts neue Impulse.
Die Ausstellung „Prélude“ zeigt Arbeiten der Werkgruppen Flower (2024) und Mothers (2025). Beide verbindet ein konzentriertes Interesse an Linie, Haltung und malerischer Geste.
In der Serie Flower erscheinen die Blumen als körperhafte, fast figürliche Formen, aufrecht stehend, herabhängend oder in einem Gewirr von Stielen verflochten, die zwischen Abstraktion und emotionalem Ausdruck oszillieren. Monumentale Bilder archetypischer Szenen stellt die Serie Mothers dar: Mütter mit Kindern und weibliche Akte. Weavers Gemälde greifen Motive aus verschiedenen Epochen wie antike Terrakottafiguren, Cranachs Madonnen oder ägyptische Statuetten auf und die Körperhaltungen erinnern an ikonische Darstellungen von Eva oder Aphrodite. Im Gegensatz zu ihren kunsthistorischen Vorgängerinnen bewegen sie sich jedoch nicht in einer Sphäre unantastbarer Schönheit, sondern vermitteln einen zeitgenössischen Zugang zu Identität, Körperlichkeit und weiblicher Erfahrung, der zwischen Selbstschutz und Offenheit changiert.
Abb: Grace Weaver, Untitled (Mother and Child), 2025, Acryl auf Leinwand, 300 x 500 cm
© Grace Weaver, courtesy the artist and Galerie Max Hetzler Berlin | Paris | London | Marfa.
Ausstellung
Stadt
Hermann Brösel
13.12.2025 -
02.02.2026
Im Kubus am Kunstmuseum Magdeburg werden Fotografien von Hermann Brösel gezeigt. Der Magdeburger Unternehmer und Fotograf widmete sich zeitlebens mit großer Präzision der Fotografie und dokumentierte über mehrere Jahrzehnte das Stadtbild seiner Heimat.
Eine Auswahl dieser Fotografien wird auf einer Leinwand im Kubus präsentiert, die täglich von 16 bis 24 Uhr gezeigt werden, und einen Einblick in die Chronik der Stadt Magdeburg gibt.
Abb: Hermann Brösel, Arbeiten an der Elbe © Stadtarchiv Magdeburg
Ausstellung
Lara Dâmaso
For Our Flowing Voices; I Amphorae
07.09.2025 -
11.01.2026
Fünf mit Wasser gefüllte Amphoren stehen im Zentrum der von Lara Dâmaso (*1996 in Biel/Bienne) für die Klosterkirche konzipierten Installation For Our Flowing Voices; I Amphorae. Ihre Formen und Größen werden durch den Fluss der Stimme geformt, die fünf entsprechende Körperräume durchläuft: vom Becken bis zum Schädel.
Die Amphoren dienen als Resonanzräume, in denen Dâmasos aufgezeichnete Stimme Wasser in Bewegung versetzt. Schallwellen auf der Wasseroberfläche entstehen. Diese flüssigen Choreografien kulminieren in einer polyphonen Vokalkomposition, die die sichtbaren Wellen mit der Resonanz der Klosterkirche verschmelzen lässt.
Zögernd und ernst durchlaufen die Stimmen verschiedene emotionale und evolutionäre Zustände. Der Atem der vormenschlichen Verse vervielfacht sich in der Polyphonie, übersteigt die jugendlichen Klagen und gespenstischen Schreie, die Schwere der klanglichen Obszönitäten und die Leichtigkeit der Ahnungen.
Dâmasos Installation greift spirituelle Tradition auf, namentlich das Schaffen von Mechthild von Magdeburg (ca. 1207–1282). In ihrem Hauptwerk Das fließende Licht der Gottheit entfaltet sie eine Metaphorik des Fließens, die Körper, Raum und Transzendenz verbindet. Mit For Our Flowing Voices; I Amphorae entsteht eine Verbindung zwischen dem physischen Fluss der Stimmen, den materiellen Resonanzen der Skulpturen und dem historischen Ort, der in die poetische Erkundung des fließenden Wissens eintritt.
Die Stimme – Dâmasos zentrales künstlerisches Medium – ist mehr als ein Kommunikationswerkzeug. Die Künstlerin erforscht ihr expressives, therapeutisches und politisches Potenzial und stellt eine vibrierende Verbindung her, die mehr auf sinnlicher Erfahrung als auf Vernunft beruht. Auf diese Weise umgeht Dâmaso die Machtstrukturen, die im disziplinierten Gebrauch der Stimme verankert sind und hinterfragt die sozialen Gepflogenheiten, die häufig durch Sprechakte strukturiert werden.
Lara Dâmasos Arbeit umfasst vergängliche und dauerhafte Formen und nimmt durch die Medien Performance, Klang, Video, Näharbeiten, Skulptur, Fotografie und Text Gestalt an. Dâmasos Praxis konzentriert sich auf den sensiblen und vibrierenden Dialog zwischen Menschen und dem Raum, den sie bewohnen. Sie befasst sich mit der Vernetzung von Materiellem und Immateriellem und erforscht die direkte Beziehung zwischen der Bewegung der Stimme und der des Körpers. Diese Verbindung zielt darauf ab, eine direkte und emotionale Form der Kommunikation herzustellen. Ihr Ansatz basiert auf dem Konzept des Zuhörens als totaler Präsenz, die für die Aktivierung eines solchen Dialogs unerlässlich ist. Transformation, die Pluralität des Selbst, Fluidität und Interdependenz als Folgen dieses Austauschs bilden den Kern ihres kreativen Prozesses.
Nach mehreren Jahren intensiver Ausbildung in Ballett und zeitgenössischem Tanz besuchte Lara Dâmaso die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo sie Kunst und Medien studierte, und erwarb einen Bachelor of Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).
Lara Dâmasos Arbeiten wurden in verschiedenen Institutionen und auf Festivals präsentiert, darunter Biennale Son, Kunsthalle Wien, Movement Festival, Eaton Hong Kong, Atonal Berlin, Basel Social Club, Triennale Milano, We Travel to Know Our Own Geography – Terraforma x Kuboraum (60. Kunstbiennale Venedig), DeSingel, Centre Pompidou, Tanzquartier Wien, Gessnerallee, Krone Couronne, Istituto Svizzero, Kunsthalle Bern, MASI Lugano, Kunsthaus Langenthal, Centre d’Art Contemporain Genève, Kunsthalle Zürich und Cabaret Voltaire.
Ausstellung
Geboren 1975
Fotografie
18.09.2025 -
02.11.2025
Zum 50. Jubiläum des Kunstmuseums Magdeburg bringt „Geboren 1975“ Menschen und Stadt in den Dialog. Im Mittelpunkt stehen 50 Frauen und Männer, die – wie das Museum selbst – im Jahr 1975 geboren wurden und deren Lebenswege eng mit Magdeburg verbunden sind.
Die Fotograf*innen Katrin Freund, Elisabeth Heinemann, Hans-Wulf Kunze und Thomas Sasse haben „Altersgefährt*innen“ des Museums porträtiert. Die entstandenen Aufnahmen werden durch persönliche Geschichten ergänzt und eröffnen so eindringliche Einblicke in individuelle Lebenswege ebenso wie in die Entwicklung der Stadt. Manche der Porträtierten sind in ihrer Geburtsstadt geblieben, andere hierher zurückgekehrt oder haben in der Ferne ihren neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Gemeinsam zeichnen sie das Bild einer Generation, die wie kaum eine andere, zwischen Wandel, Aufbruch und Verwurzelung ihre Erfahrungen gemacht hat.
Die Ausstellung ist Teil des Jubiläumsprogramms „Herausgeforderte Gemeinschaft“, mit dem das Kunstmuseum Magdeburg sein 50-jähriges Bestehen feiert. Diese Jubiläumsausstellung greift zentrale unserer Gegenwart auf und sucht nach dem Wesen von Gemeinschaft. Denn sie ist nie selbstverständlich, sondern muss immer wieder neu ausgehandelt, gestaltet und gelebt werden – wie es auch die Ausstellung „Geboren 1975“ sichtbar macht.
Ausstellung
Billy Bultheel
A Short History of Decay
14.06.2025 -
20.08.2025
Für seine Ausstellung entwickelt Billy Bultheel A Short History of Decay für die Präsentation in der Klosterkirche weiter: Es entsteht eine skulpturale und akustische Installation, die an die Form einer Kanzel erinnert.
Die Installation bezieht sich sowohl auf die architektonische Sprache religiöser Rituale als auch auf die performative Dynamik politischer Rede. Aus der kanzelartigen Struktur erklingt eine eigens für die Klosterkirche geschaffene Komposition, in der Bultheel modale Tonalitäten des Mittelalters mit zeitgenössischen Klangtexturen verwebt. Durch zarte Motive, driftende Resonanzen und bewusste Wiederholungen erzeugt das Stück eine aufgeladene Atmosphäre, in der historische Anklänge hörbar werden und zeitgenössische Dringlichkeiten widerhallen.
Begleitet wird der Klang von einer Reihe neuer Holztafeln, die an die Details und die Dramatik mittelalterlicher Holzschnitzereien erinnern. Diese Werke schildern innere Zustände apokalyptischer Lebenszustände – Rebellion, Passivität und Eskapismus – als allegorische Figuren.
Beeinflusst von Emil Ciorans düsteren Aphorismen über den Zusammenbruch der Vernunft und die Illusion des Fortschritts und seiner tiefgreifende historische Auseinandersetzung mit Autorität, Gemeinschaft und Glauben, wird Bultheels Installation zu einer Erkundung klanglicher Schönheit und dissonanter Brüche. In der Stille der Klosterkirche eröffnet die Arbeit einen Raum für polyphone Erinnerung und akustische Imagination – ein fragiles Gleichgewicht zwischen Kontemplation und Unruhe.
Ausstellung
Andrius Arutiunian
Under the Cold Sun
03.04.2025 -
18.05.2025
Der armenisch-litauische Künstler und Komponist Andrius Arutiunian präsentiert eine neue Version seiner groß angelegten Installation „Under the Cold Sun“ (2024/25). Das Werk, das mit der Architektur der historischen Klosterkirche des Kunstmuseums Magdeburg spielt, stützt sich auf zwei wesentliche Elemente - Licht und Klang - um seinen hypnotischen Zustand zu erzeugen.
In "Under the Cold Sun" erforscht Arutiunian die Zusammenstöße zwischen historischen Erzählungen und zeitgenössischen Imaginationen. Im Zentrum des Stücks stehen drei Elemente - ein Spiegel, eine Leuchte und eine synthetische Orgel - drei geisterhafte Präsenzen, die den Raum des ehemaligen Klosters durchdringen. Durch die Arbeit mit Psychoakustik und Lichtreflexionen setzt Under the Cold Sun die Erkundung von volkstümlichem Wissen, alternativen Methoden der Weltordnung und Konzepten der musikalischen und politischen Einstimmung fort.
Der armenisch-litauische Künstler und Komponist Andrius Arutiunian (*1991) vertrat 2022 Armenien mit der Soloausstellung Gharīb auf der 59. Biennale von Venedig. Seine Arbeiten wurden zudem auf bedeutenden Biennalen und Museen gezeigt, darunter dem Palais de Tokyo (Paris), dem Centre Pompidou (Paris), M HKA (Antwerpen), dem Sapieha Palace (Vilnius), FACT (Liverpool) und dem Contemporary Art Centre (Vilnius). 2024 wurde er in die Shortlist des Future Generation Art Prize aufgenommen, und war 2023 DAAD Artist-in-Residence Fellow. Arutiunian verbindet in seinen Arbeiten hypnotische Klangstrukturen, synthetische Klänge und kulturelle Klangsprachen, die eine ebenso ästhetisch anspruchsvolle wie emotional greifbare Erfahrung schaffen.
Ausstellung
Opération Béton
09.03.2025 -
27.08.2025
Karl-Heinz Adler. Erasmus Schröter. Carsten Nicolai. Marta Dyachenko
Der ambivalente Baustoff Beton, der das kreative Werden ebenso wie das gesamte Spektrum zwischen Zerstörung, Wiederaufbau und Umweltkatastrophe in sich trägt, hat Kunstschaffende schon lange bewegt und herausgefordert. Opération Béton nennt der französische Experimentalfilmer Jean-Luc Godard seinen ersten Film, der 1954 erschien. Die enorme Vielgestaltigkeit und Einsetzbarkeit des Baustoffes aus Zement, Gestein und Wasser erlaubt unendliche Möglichkeiten der Anwendung in Architektur und Kunst.
In Zeiten der Klimakrise steht das moderne Baumaterial, dessen Bandbreite in der Verwendung grenzenlos scheint, jedoch immer auch mit den von Menschen gemachten Katastrophen dieser Welt in Verbindung.
Während die Formsteinsysteme Karl-Heinz Adlers für die Neuinterpretation des Werkstoffes in einer Zeit des Wiederaufbaues stehen, wird im Video „Betonschiff ohne Namen“ von Carsten Nicolai die Widersprüchlichkeit zwischen Vergehen und Bewahren zum allgegenwärtigen Thema einer musikalisch wie visuellen Intervention.
Für seine Fotografien inszenierte Erasmus Schröter die aus Millionen von Tonnen Beton erbauten Bunker des 1942 von der deutschen Besatzung in Auftrag gegebenen „Atlantikwalls“ in farbigem Licht und schafft so eine Atmosphäre zwischen vergangenem Größenwahn, Bedrohung und Lächerlichkeit. Diese verstärkt sich in der Gegenwart angesichts moderner Luft-Boden-Raketen, tragbarer Panzerabwehrwaffen und perfider gewordenen militärischen Auseinandersetzungen. Bewahrung und Zerstörung aber auch die großartigen Möglichkeiten aus Vergangenem Neues zu schaffen sind für die Künstlerin Marta Dyachenko und ihre Skulpturen aus gegossenem Beton in den letzten Jahren zum Schwerpunkt geworden. Das komplexe Verhältnis zwischen Natur und Mensch und dem gesellschaftlich konstruierten Blick auf das, was ist und sein wird, spiegelt sich beispielhaft in den Kunstwerken, die sich mit dem von Chancen und Katastrophen gleichermaßen geprägten Werkstoff Beton verbinden.
Karl-Heinz Adler (1927 Remtengrün/Vogtland – 2018 Dresden) war Maler, Grafiker und Konzeptkünstler und gilt heute als einer der herausragendsten Vertreter der konkreten Kunst in Deutschland. Seine Papiercollagen, Objektschichtungen, Zeichnungen und Modelle zu den Formsteinsystemen, die er aus Beton fertigen ließ, sind in dieser Ausstellung zu sehen.
Erasmus Schröter (1956 Leipzig – 2021 Leipzig) war ein zunächst in Leipzig, ab 1985 in Hamburg und ab Mitte der 1990er Jahre wieder in Leipzig arbeitender Fotograf, dessen Motive von surreal anmutender DDR-Alltagsbilderwelt bis zu konzeptionellen Serien voller Hintersinn und Ironie reichen.
Carsten Nicolai (*1965 Karl-Marx-Stadt/Chemnitz, lebt in Berlin) ist ein deutscher Medienkünstler und Musiker (Pseudonym Alva Noto), der als Grenzgänger an der Schnittstelle von bildender Kunst, Wissenschaft und Musik arbeitet. Seine oft großformatigen audiovisuellen Installationen zielen darauf ab, unsichtbare Phänomene wie Ton- und Lichtfrequenzen erfahrbar zu machen.
Marta Dyachenko (*1990 in Kiew, lebt in Berlin) studierte Architektur, Bildende Kunst und Bildhauerei in Berlin. Ihre Installationen aus modellhaften Skulpturen in Beton werfen Fragen nach dem Verhältnis von Natur und Mensch sowie auch dem gesellschaftlich konstruierten Blick auf die Landschaft auf.
Die Ausstellung wird gefördert von den Freunden und Förderern des Kunstmuseums Magdeburg e.V.



