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    Dieter Goltzsche
    Landschaft mit Litfaßsäule

26. September 2021 - 20. Februar 2022
Eröffnung: 25. September, 15 Uhr


Dieter Goltzsche ist Zeichner. Seine Bildwelt entfaltet sich auf vergleichsweise kleinen Formaten, eben auf Papier. Doch das Format begrenzt nicht seinen Zeichenstil, der schrankenlos in der erfindungsreichen Anwendung zeichnerischer Mittel ist – so als würden es weit mehr als die Dinge vor unseren Augen sein, die seine Zeichenkunst inspirieren.

Eine bemerkenswert große Auswahl von Zeichnungen, Aquarellen, Lithografien und Siebdrucken hat Dieter Goltzsche dem Kunstmuseum Magdeburg als Schenkung offeriert. Fast 300 seiner Werke sind in der Ausstellung „Landschaft mit Litfaßsäule“ zu sehen. Die gezeigten Arbeiten illustrieren das umfangreiche, über sechs Jahrzehnte währende Schaffen Goltzsches, angefangen bei seiner Diplomarbeit „Ballett“ von 1957 bis hin zu Tempera und Tusche-Arbeiten, die 2021 entstanden.

Neben der ausgeprägten Beobachtungsgabe, äußern diese Blätter das feine Gespür ihres Autors, bis in die Tiefen der Gesellschaft zu blicken. Was sich auf Dieter Gotzsches Zeichnungen und Grafiken darstellt, ist alles andere als die sture Auflistung der äußeren Welt mittels Linien und Bildmustern auf Papier, vielmehr begegnet den Betrachter*innen das unvorhersehbare Leben in all seinen Aspekten im Ausdruck erfindungsreicher Bildpoesie. Der Moment der Zeichnung wirft mit wenigen Linien und Notizen ein Licht auf das Leben. So auch mit der Lithografie „Landschaft mit Litfaßsäule“, die der Ausstellung ihren Titel gibt. Neben Porträts und Landschaften sind es humorvolle, zum Teil kuriose Motive, die Gegenstand seiner Arbeiten sind.  

Der 1934 in Dresden geborene Künstler studierte bei Hans Theo Richter und Max Schwimmer an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Als Meisterschüler der Akademie der Künste kam er 1958 nach Berlin, wo er seither lebt. Seit 1990 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Von 1992 bis 2000 war er Professor für Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Goltzsche erhielt zahlreiche Auszeichnungen u.a. den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste der DDR, den Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin sowie den Hans Theo Richter-Preis der Sächsischen Akademie.



     
links: Dieter Goltzsche, Klares Wasser, 1986, Foto: Hans-Wulf Kunze © VG Bild-Kunst Bonn, 2021
rechts: Dieter Goltzsche, Selbstporträt, 1985, Foto: Hans-Wulf Kunze © VG Bild-Kunst Bonn, 2021

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Hans-Wulf Kunze, Berg aus drei Mädchen

    Hans-Wulf Kunze
    Fischfabrik, 1985-1990

26. September 2021 - 6. Januar 2022

 

Die Zeichen der Zeit sind noch andere, als Hans-Wulf Kunze den speziellen Ort auswählt, um seine fotografischen Untersuchungen über die Arbeit in der Industrie fortzuführen: Fischverarbeitung in Magdeburg, Große Diesdorfer Straße.

Seine Aufnahmen zeigen ausschließlich junge Menschen. Vergleichbare Bedingungen von Ausbildung und Produktion, wie auf diesen Bildern, sind damals nichts Ungewöhnliches und doch öffnen diese Schwarz-Weiß-Aufnahmen heute den Blick in eine kaum noch greifbare Vergangenheit.

Nichts ist oder wirkt inszeniert – die weiß gekachelten Räume, die großen Igelit-Schürzen der jungen Frauen und Männer, das laute Scharren der Gitterboxen, das Spritzwasser beim Abbürsten der Wände, das Keuchen bei der Arbeit und der allgegenwärtige Geruch. Alles ist präsent, auch was sich außerhalb des sichtbaren Bildausschnitts der Kamera abspielt.

In teils faktischer, teils expressiver Nahsicht dient alles auf diesen Fotografien dazu, den Platz der jungen Menschen hier zu beschreiben; irgendwie verloren, selbst aus dieser Nähe betrachtet. Die geringe Distanz zur Kamera, bezeugt auch eine Vertrautheit zwischen ihnen und dem Eindringling, dem Fotografen, wie sie heute schwerlich vorstellbar ist. Die Wertung des Fotografen zeigt sich in der kritischen Genauigkeit seiner Beobachtungen, in seiner Achtung vor der Leistung schwerer Arbeit, was die behutsame Schilderung dieser jungen Arbeiter*innen bezeugen, die um ihren Selbstanspruch im Leben ringen. Im offenen Blick in seine Kamera finden wir diese Frage an ihre Zukunft festgehalten.

Die Aufnahmen lassen sich nicht dokumentarisch aneinanderreihen, vielmehr im persönlichen Empfinden für die damalige Situation im Ausblick des endlos wiederkehrenden Alltags, der von ihrem Leben bereits Besitz ergriffen hat. Was niemand und auch Hans-Wulf Kunze nicht ahnen konnte: Er fotografierte zuletzt in den Umbruch hinein, der für viele Arbeitsfelder zunächst den Abbruch bedeutet und der auch für die Fotografie veränderte Regeln mit sich brachte. Nie wieder konnte der Fotograf später diese Nähe zu laufenden Produktionsabläufen in Magdeburg herstellen. Hans-Wulf Kunze ist kein Unbekannter in seiner Heimatstadt. Diese Serie wird nach drei Jahrzehnten erstmals in diesem Umfang öffentlich gezeigt. Sie ist eine Schenkung an das Kunstmuseum.